Carolin F. Lebensstationen

Gewusel und Gespräche, Geraschel und Geklapper umgeben mich. Ich stehe im Textilraum, um mich herum beschäftigte, materialbeladene und konzentriert arbeitetende Schülerinnen und Schüler. Mittendrin stehe ich und versuche auf die hundert Fragen, Bitten, Hilferufe, Forderungen, Frustrationsausbrüche angemessen zu reagieren, zu trösten, zu motivieren, anzutreiben oder abzuraten.

Wie komme ich hierher, frage ich mich? Ich bin 28 Jahre alt und verfolge mal mehr, mal weniger leidenschaftlich das Ziel, eine genauso tolle Lehrerin zu werden wie meine damalige Deutschlehrerin der Realschule, für einige der Kinder dieser Welt jemand zu sein, der an sie glaubt, der sie fordert, fördert und ernst nimmt.

Wie aber habe ich den Weg geebnet, als Realschülerin nicht unbedingt prädestiniert dazu, eine solche Laufbahn einzuschlagen. An mich geglaubt wäre nicht richtig. Durchgebissen auch nicht. Aber durch die unterschiedlichen Launen und Hochs und Tiefs nicht abbringen lassen.

Der Wunsch Lehrerin zu werden begann sich während meiner Abschlusszeit auf der Realschule zu formen. In meinen letzten beiden Jahren hatte ich eine neue Deutschlehrerin, deren Art zu unterrichten mich faszinierte. Während andere Lehrer unsere Klasse als Horror bezeichneten, kam sie jedes Mal mit einem Lächeln in den Raum und mit einem Tempo, das uns den Schlaf aus den Augen wirbelte. Die Themen ihres Unterrichts rissen uns mit, öffneten uns die Augen, ließen uns spüren, dass nicht alles langweilig war. Aber sie war auch streng und ließ jeden, der Kaugummi kaute, 50 Mal verschriftlichen, dass das nicht ok war und wies uns mit einem lauten Pfiff darauf hin, dass wir gerade zu laut waren.

So jemand wollte ich auch sein und nahm mir vor, den Weg zu gehen, egal, wie weit er sein würde. Zunächst leitete ich mit anderen Freunden zusammen Kindergruppenstunden, organisierte Wochenenden und Ferienfreizeiten für Kinder, wo ich merkte, dass mir die Arbeit mit Kindern Spaß machte. Mein Abitur machte ich am benachbarten Gymnasium. Zum Glück war ich immer eine lernbereite Schülerin, und so strengte ich mich an und schaffte einen guten Abschluss. Direkt danach ging ich für ein Au Pair Jahr in die USA um mein Englisch aufzubessern. Dort hatte ich Pflichten, die mir zuhause nicht auferlegt wurden, aber gleichzeitig Freiheiten, die mir nicht bekannt waren.

Als ich zurückkam fing ich mein Lehramtsstudium an und nahm währenddessen viele Nebenjobs an, um mein Leben zu finanzieren. Währenddessen musste ich oft feststellen, wie Leute, die mit mir auf der Realschule waren, schon ihr eigenes Geld verdienten, sich in Firmen eine Position erarbeitet hatten und ihre Familienplanung in die Hand genommen hatten. Ich hingegen hangelte mich von Nebenjob zu Auslandsaufenthalt, von Babysitterjob zu Sprachkurs, von Nachmittagsbetreuerjob zu Vertretungslehrerjob.

Da in meiner Familie aber bis dato keine Akademiker waren, hatte ich und meine Familie keine Vorstellung davon, was es bedeutet zu studieren. Deswegen war die Studienzeit für mich eine schöne Zeit, aber oft geprägt von Zweifeln, ob das das richtige für mich sei, ob ich dem Job gewachsen sei, nicht doch eine Ausbildung das Richtige und so weiter.

Nun, nach 5 Jahren Studium, einigen Auslandsaufenthalten,  Sprachkursen und Jobs später stehe ich am Anfang meiner Lehrerlaufbahn und bin stolz darauf, nicht aufgegeben zu haben.

Ich denke, dass der Lehrerberuf wie kein anderer durch Höhen und Tiefen geprägt ist. Mit jungen Menschen zu arbeiten ist eine anspruchsvolle, oft niederschmetterende aber genauso erfüllende Arbeit, die jeden Tag anders ist. Jungen Menschen Mut zu machen, ihre Träumen zu verfolgen und nicht aufzugeben, egal wie viele Steine einem in den Weg gelegt werden, ist meine Aufgabe und ich nehme sie gerne an. Glaubt an euch und eure Träume!